Meine 7 Learnings aus 2013

26. Dezember 2013 — 8 Comments

Die ruhige Zeit zwischen Weihnachten und Silvester eignet sich prima zur Vorausplanung für das Folgejahr – und zur Reflektion der vergangenen knapp zwölf Monate. Was ich aus einem turbulenten 2013 mitgenommen habe.

1. Fokus, Fokus, Fokus (, Fokus)

Zum 31. Januar dieses Jahres hatte ich meine Festanstellung als Redaktionsleiter Online beim t3n Magazin gekündigt. im Zentrum meiner Überlegungen zur Selbständigkeit stand lesen.net, das schon damals die größte deutschsprachige Infoseite im Bereich digitales Lesen war und bereits einiges Geld abwarf. Daneben hatte und habe ich aber auch andere Projekte, nach meiner Kündigung bei t3n kamen weitere Nebentätigkeiten hinzu. Über einige habe ich hier geschrieben (heise, Verisign), über andere nicht.

Im Laufe des Sommers wurde mir aber bewusst, dass lesen.net meine gesamte Aufmerksamkeit erfordern würde, um die Plattform meinen Vorstellungen entsprechend zu entwickeln. Zweite und dritte Standbeine sind toll und für Freelancer, die als Dienstleister unterwegs sind, ist es auch höchst gefährlich, auf nur ein Pferd zu setzen. Aber wenn es darum geht, eine Sache wirklich groß zu machen (und Konkurrenten und Zeit drängen), muss sie richtig angepackt werden. Einen kleinen beruflichen Ausgleich zum Beruf habe ich immer noch, aber 90 Prozent meiner Arbeitskraft fließt inzwischen in lesen.net. A propos:

2. Die eigene Arbeitskraft skaliert nicht (und Freelancer sind auch kein Allheilmittel)

Die Arbeitswoche hat nur eine gewisse Zahl Stunden, von denen per se ein Teil für Schlaf und Freizeit (siehe Punkt 5) draufgeht. Hinzu kommt ein bunter Strauß zeitfressende Verwaltungstätigkeiten von Buchhaltung über Server-Wartung bis hin zu Support. Für Akquise, Contentproduktion und Planung bleibt dann nur noch eine endliche Stundenzahl, mit der man das Geschäft eben auch nur ein bestimmtes Stück voranbringen kann.

Ein Weg aus diesem Dilemma sind feste und freie Mitarbeiter. Im Bereich Programmierung und Design arbeite ich schon lange mit Agenturen und Freelancern zusammen (Kudos noch einmal für das lesen.net Redesign an die Weddig & Keutel AG und für Programmierung an Tobias Friebel), seit dem Spätsommer auch im Bereich Redaktion. Hier muss man sich von der Vorstellung lösen, eine Aufgabe wird nur dann gut gemacht, wenn man sie selbst macht. Ich hatte das Glück, schon in meinen vorigen Angestelltenverhältnissen mit sehr guten „Freien“ zusammenarbeiten zu dürfen, ein Grundvertrauen war somit schon da.

Freelancer haben aber auch ihre Schattenseiten. Ein wesentlicher Vorzug und gleichzeitig ein großer Nachteil ist die geringe Bindung des Arbeitsverhältnisses. So ist mir mehr als ein „Freier“ abgesprungen, nachdem ich schon einigen Aufwand ins Anlernen und Verbessern der Arbeit gesteckt habe – gerade wenn man mit Studierenden zusammenarbeitet, kann schon ein neuer Stundenplan ein Ende der Zusammenarbeit bedeuten. 2014 stehen darum die ersten Festanstellungen auf der Agenda beziehungsweise im Businssplan. Praktischerweise habe ich gerade bei einem Gründungswettbewerb der hiesigen städtischen Wirtschaftsförderung ein mietfreies Jahr in einem möbilierten Büro gewonnen, ein Teil der finanziellen Aufwendungen ist somit schon abgefedert.

3. Selbständigkeit ist kein Ponyhof (wenn man es richtig machen will)

Ich lese und höre immer wieder von Selbständigen, sie hätten den Schritt in die Selbständigkeit keine Sekunde bereut. Nun, das kann ich von mir nicht sagen. Als ich zum Beispiel Mitte Oktober morgens um 7:00 Uhr im Schlafanzug im Hilton Las Vegas über eine wackelige Internetverbindung lesen.net von Viagra-Links befreite, am Telefon ein Supportmitarbeiter meines Hosters (der die Seite infolge der Infizierung kurzerhand mehrere Stunden offline genommen hatte) und ein Telefonat mit einem Investor vor der Brust, alles andere als ausgeschlafen, da hätte ich mir einen geregelten und gut bezahlten 40-Stunden-Job sehr gut vorstellen können. Oder in den vielen Nächten, wo mir geschäftliche Überlegungen den Schlaf raubten. Oder beim Blick auf meine Ersparnisse, die sich durch Investitionen rapide verringerten. Oder als in den letzten Wochen Freunde von „ihren“ Weihnachtsfeiern erzählten.

Unter dem Strich war der Sprung ins kalte Wasser der Selbständigkeit die richtige Entscheidung, davon war und bin ich überzeugt. Aber sie ist zwangsläufig verbunden mit vielen Entbehrungen und Kompromissen, dessen muss man sich bewusst sein. Im besten Fall nimmt die persönliche Involvierung im Laufe der Zeit ab, weil sich immer mehr Tätigkeiten deligieren lassen. Aber auch von einem erfolgreichen Unternehmer mit mehreren Dutzend Angestellten bekam ich neulich erzählt, dass er seine Position bisweilen liebend gerne gegen eine geregelte Angestelltentätigkeit mit ordentlichem Festgehalt und Jahresurlaub tauschen würde. Das Gras auf der anderen Seite der Mauer ist eben immer grüner.

4. Ohne Monetarisierung kein Geschäftsmodell

Ich berichte und informiere auf lesen.net über digitales Lesen und bin damit im Epizentrum des hochkulturellen Prekariats. Für viele Menschen ist die Buchbranche ein berufliches Traumziel, die Arbeitgeber (Verlage, Dienstleister) nutzen das natürlich aus und zahlen Einstiegsgehälter, bei denen man trotz Uniabschluss alimentierende Eltern braucht, um zu überleben (500 Euro Monatsgehalt für ein Volontariat und ähnliches). Trotz niedriger Gehälter werden die Stellen besetzt, die Nachfrage ist da. Auch Freelancer neigen zur Selbstausbeutung. So empfiehlt der Verband der freien Lektorinnen und Lektoren ein Stundensatz für Korrektorat „ab 32 Euro“ (die realen Vergütungen liegen eher darunter) – viele Dienstleister im IT-Umfeld bekäme man dafür nicht einmal für 10 Minuten.

Auch die Buchbranche steht nicht außerhalb des Wirtschaftskreislaufes. Natürlich kann man sein Geschäftsmodell auf Spenden von Stiftungen und öffentliche Mittel begründen, wirklich nachhaltig erscheint mir das aber nicht. Für mich muss sich ein Geschäft selbst tragen und zumindest die Perspektive auf eine angemessene Vergütung haben, die unabhängig macht. Mit Idealismus lässt sich keine Miete bezahlen und keine Familie ernähren.

5. Das Biz ist ein Marathon, kein Sprint

searchlesen.net bekommt einen großen Teil seiner Besucher über Google. In den letzten Monaten habe ich mich sehr über einen Mitbewerber geärgert, der immer mehr Sichtbarkeit bei Google gewann und mein Projekt mit einigen wichtigen Suchbegriffen sogar überflügelte. Geärgert deshalb, weil dieser Mitbewerber die Rankings nicht etwa mit Qualität und entsprechenden Verweisen erzielte, sondern mit größtenteils sehr offensichtlich gekauften Links. Das Ende vom Lied seht ihr rechts (Searchmetrics Sichtbarkeitsindex): Nach einigen Monaten hat Google den Braten gerochen und die Seite nahezu komplett aus dem Index genommen, mitten im Weihnachtsgeschäft und mutmaßlich irreversibel. Nachhaltiger und ehrlicher Aufbau zahlt sich eben auch, aber längst nicht nur im SEO-Bereich gegenüber kurzfristig effektiven Maßnahmen aus (, die desaströse langfristige Folgen haben können).

Das Motto trifft auch auf den persönlichen Bereich zu, Stichwort Work-Life-Balance. Von Burnout-Symptomen nach intensiven Arbeitsphasen kann wohl jeder Selbständige erzählen. Durchgearbeitete Nächte und Wochenenden mögen kurzfristig positive Effekte haben (und sind bisweilen unvermeidbar), über längere Zeit hinweg schaden sie aber der eigenen Arbeitskraft und damit dem höchsten Gut jedes Selbständigen. Ohne Ausgleich in der Freizeit geht es nicht – ich habe wohl noch nie so viel Sport getrieben wie 2013 (ein Tennisprofi wird aus mir trotz teilweise vier Tage Training/Turnier/Punktspiel pro Woche nicht mehr, auch so ein Learning aus dem abgelaufenen Jahr). Auch die sozialen Kontakte ergeben sich weniger von alleine als mit einem netten Arbeitsumfeld – wenn man nicht alleine Mittagessen will, muss man zum Telefon greifen.

Keine Berufsperspektive: Tennisprofi

Keine Berufsperspektive: Tennisprofi

6. Hannover ist besser als sein Ruf

Schon als ich im März 2011 fürs Volontariat bei heise nach Hannover zog, haben viele Freunde die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Und als ich mich Anfang 2013 fulltime-selbständig machte und damit nicht mehr ortsgebunden war, konnten es wieder einige nicht fassen, dass ich nicht umgehend meine Zelte abbaute und der Stadt den Rücken kehrte. Dabei ist Hannover viel besser als sein Image (langweilig, durchschnittlich, …, ihr wisst schon): Dank großem Stadtwald, Maschee und vielen Locations zur Bespaßung gibt es eine hohe innerstädtische Lebensqualität, bei deutlich niedrigeren Lebenshaltungskosten als in den richtig großen Städten. Zudem habe ich mir hier nach zweieinhalb Jahren einen Freundeskreis aufgebaut, den ich nicht ohne weiteres über Bord schmeissen wollte.

San Francisco (im Oktober): Sonniger und robbenreicher, aber viel teurer

San Francisco (im Oktober): Sonniger und robbenreicher, aber auch teurer

Bei der Wahl eines Standortes zum Aufbau eines Unternehmens spielen freilich noch andere Aspekte eine Rolle. Hannover hat für Gründer nicht die Anziehungskraft wie Hamburg oder Berlin, umso umtriebiger und hilfsbereiter ist die hiesige Wirtschaftsförderung. hannoverimpuls hat mich von Beginn an bei Fragen und Problemen unterstützt, es gibt zahlreiche Seminare und Networking-Events und zwei Gründungswettbewerbe (wovon ich einen wie gesagt gerade gewonnen habe). Die Büromieten sind moderat, die Gefahr der Abwerbung von qualifiziertem Personal geringer als in den großen Startup-Hochburgen. Auf der anderen Seite muss man gute Leute natürlich erst einmal nach Hannover bekommen – wie schwer das sein kann, habe ich schon bei heise und t3n erlebt. Da hat die Stadt in Sachen Standortmarketing noch einiges vor sich.

Ob ich hier in Hannover tatsächlich Wurzeln schlage und alt werde (oder überhaupt noch den übernächsten Jahreswechsel hier erlebe), steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber, und das werde ich nicht müde zu predigen: Hannover bietet tolle Rahmenbedingungen dafür, ein richtig schönes Leben zu haben. Es kommt drauf an, was man draus macht.

7. Alles wird gut (aber nicht von allein)

Die letzten Wochen meines ersten Jahres als hauptberuflicher Selbständiger hätten nicht besser laufen können. Im Dezember bin ich schon jetzt bei einem fünfstelligen Umsatz und einer siebenstelligen Zahl von Seitenaufrufen für lesen.net, beides erstmalig. Hinzu kommt der gewonnene Gründungswettbewerb (und gute Karten bei einem weiteren), vielversprechende Gespräche mit verschiedenen Investoren, privates Glück und und und. Und im Januar geht es nach Gran Canaria in einen Co-Working-Space (mal sehen, wie man von da arbeiten kann) und anschließend ins erste richtige eigene Büro. Der Grundstein für ein gelungenes 2014 mit vielen neuen Herausforderungen ist also schon gelegt. Ohne viel Maloche wird es auch 2014 nicht gehen, aber ich freue mich drauf. Wie heißt es: Suche (oder schaffe) dir einen Job, der dir Spaß macht, und du musst nie mehr arbeiten.

8 responses to Meine 7 Learnings aus 2013

  1. … Ach Hannover :-) denk ich an Hannover in der Nacht … Was hätte Schwitters darauf gereimt? Wußte ich gar nicht, dass Du „um die Ecke“ blogst, liest, schreibst und so … lass uns mal um den Maschsee spazieren oder in der Markthalle keinen Cappucino trinken :-) Heiko

  2. Ganz tolle Zusammenfassung, die gerade durch direkte Ehrlichkeit punktet. Danke

  3. Ehrlich und authentisch. Vielen Dank.

    „Aber auch von einem erfolgreichen Unternehmer mit mehreren Dutzend Angestellten bekam ich neulich erzählt, dass er seine Position bisweilen liebend gerne gegen eine geregelte Angestelltentätigkeit mit ordentlichem Festgehalt und Jahresurlaub tauschen würde.“

    Auch nach über 10 Jahren Selbständigkeit habe ich manchmal ähnliche Gedanken.
    Man muss einfach Feuer und Flamme sein, für das was man tut. Manchmal ähnelt es einer „Hassliebe“, denn man muss täglich für den Erfolg kämpfen.

    Dir wünsche ich in jedem Fall für die weiteren Jahre viel Erfolg.
    Let’s rock 2014. :-) Eren

    • „Jeden Tag kämpfen“ ist definitiv ein wichtiger Punkt. Als Angestellter kann man zwischendurch auch mal ’ne ruhige Kugel schieben, ohne dass es Einfluss auf den eigenen Erfolg hat – wenn’s dein Ding ist, musst du permament Vollgas geben.
      Danke für die Wünsche für ’14, dir auch alles Gute fürs neue Jahr.

  4. Sehr schöner und inspirierender Artikel. Vieles kann ich absolut teilen.
    Und an den Tagen, an denen man alles in die Tonne kloppen möchte, weil man sich leer fühlt (nach den zahlreichen durchgearbeiteten Wochenenden) muss man sich immer sagen, wie krass toll es doch ist, für sich selbst zu arbeiten und spannende Produkte/Websites auf den Markt bringen zu dürfen.

    Das mit der Stadt kann ich auch nur teilen. Ich war 2007, als es bei mir losging, in Kassel. Ebenfalls ruhig, entspannt und schön. Jetzt bin ich wieder back to the roots in meiner kleinen Heimat.

    Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg!

    Gruß
    Jens

  5. Auch von uns Buchpiraten (stellvertretend) alles Gute für 2014. Du hast immer vernünftig recherchiert. Die Schlüsse, die du daraus gezogen hast, muss ich nicht teilen, aber du warst immer sehr nah am Geschehen. Bemerkenswert fand ich, dass du das Thema Buchpiraterie nicht totgeschwiegen hast – wie die Buchleute es Ende des Jahres getan haben.

    2013 war für uns ein Jahr der öffentlichen Offensive, 2014 wird ein Jahr der Defensive. Die Situation wird unübersichtlich werden, denke ich. Ob unübersichtlich genug, machen wir daran fest, ob du uns folgen kannst oder nicht ;-)

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  1. lesen.net: Rückblick und Ausblick » Interna » lesen.net - 31. Dezember 2013

    […] Auch für mich persönlich war 2013 ein Jahr des Umbruchs. Zum 31.01.2013 kündigte ich meine Festanstellung als Redaktionsleiter Online beim t3n Magazin und konzentriere mich seither hauptberuflich auf lesen.net (was ein wesentlicher Grund für die höhere Newsfrequenz ist). Wen es interessiert, was für sieben Lehren ich aus dem ersten Jahr meiner Selbständigkeit mitnehme: Hier geht es zum Artikel. […]

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