Zumindest hier. In ein paar Stunden kommt Christoph, mit dem es knapp drei Wochen kreuz und quer durchs Land geht. Am 17.08. ist das Abenteuer Venezuela dann f�r Johannes vorbei.
Es h�tte noch viel mehr berichtenswertes gegeben, wof�r aber die Zeit und letztlich auch die Motivation fehlte. Letztlich handelte es sich bei diesem Blog aber vor allem um Johannes’ oeffentliches Tagebuch & Fotoalbum - insofern steht hier genauso viel, wie stehen sollte.
Venezuela ist im Fußballfieber - und das, obwohl ansich Baseball die Sportart Nr.1 im Land ist. Dennoch hat es die am Dienstag begonnene Copa America (Meisterschaft des südamerikanischen Fußballverbandes, vergleichbar mit der EM) geschafft, die Leute in ihren Bann zu ziehen.
Das momentane Straßenbild erinnert Johannes an Deutschland im Sommer 2006 - viele Menschen in weinroten Fußballtrikots, überall Reklame für Copa-Produkte (z.B. Pepsi mit Copa-Geschmack) und eine alles beherrschende Berichterstattung in den Medien. Der erste Spieltag wurde gestern beendet und hat die Begeisterung nur noch intensiviert - der südamerikanische Fußball ist dem europäischen zumindest in Sachen Spielwitz, Zauberei und Emotionen um Welten voraus.
Venezuela wird trotz Heimvorteil keine Chance eingeräumt, zu schwach ist die Equipe im Vergleich zu den umliegenden Fußballnationen. Bei 16 Copa-Teilnahmen haben es die Vinotintos bislang auf einen einzigen (Spiel-)sieg gebracht, der mittlerweile auch schon über 40 Jahre zurück liegt. Das Überstehen der Gruppenphase wäre schon eine kleine Sensation, obwohl man mit Bolivien, Uruguay und Peru eher schaffbare Gegner erwischt hat. In der “Todesgruppe” B etwa hätten mit Ecuador, Mexiko und Brasilien gleich drei WM-Achtelfinalisten gewartet. Gegen Bolivien gab’s im Eröffnungsspiel immerhin ein achtbares 2:2.
Klarer Turnierfavorit: Argentinien, das mit allen Weltstars (Messi, Riquelme, Heinze, Zanetti, Crespo…) dabei ist und Gold-Cup Gewinner USA gestern Abend mit 4:1 wegfegte. Titelverteidiger Brasilien tritt bloß mit der zweiten Wahl an und musste beim 0:2 gegen Mexiko schon erfahren, dass dies für die Copa wohl nicht genug sein wird.
Die Spiele werden gleich von zwei Kanälen live übertragen - dem privaten Venevision und TVes, Chàvez’ neuem ‘Bürgerfernsehen’. Das ist in etwa so, als wenn die WM 2006 exklusiv auf ARTE zu sehen gewesen wäre.
Während Venevision die kompetenteren Moderatoren, die besseren Bilder und eine ansprechendere Show hat, punktet TVes mit weitesgehender Werbefreiheit. Wahrscheinlich, weil sich die Unternehmen mit Werbung beim RCTV-Nachfolger vor allem aus Imagegründen sehr zurück halten. Im Privatfernsehen wird in den Matches praktisch minütlich ein anderes Werbelogo eingeblendet, Ecken, Freistöße und Tore werden von den Reportern ‘Sponsored by’ erwähnt. TVes macht hauptsächlich Eigenwerbung und trommelt für verschiedene Staatsapperate (TK-Konzern, Ölgesellschaft, Senat).
Oben: Offizieller Copasong. Reine Gute-Laune-Mucke: Der Refrain lautet - exklusive olès - ein wenig debil ‘wir wollen zum Fußball, wir wollen spielen. Ich will die Copa gewinnen.’
“Kinder haben ein Recht auf:”
Sehr schoene Wandmalerei in Pampatar (Margarita). Freudige Kinder in intakten Familien - wie illustriert - sind hier aber leider noch sehr viel mehr die Ausnahme als in Deutschland. Viele junge Maenner machen sich konsequenzenlos aus dem Staub, nachdem sie ihre oft minderjaehrige Freundin geschwaengert haben. Der allgegenwaertige und in vielen Familien praktizierte Katholizismus verbietet dabei bekanntlich sowohl Verhuetung als auch Abtreibung, was zu zahlreichen allein erziehenden Muettern fuehrt.
Die Folgen sind dabei aehnlich wie in Deutschland - keine Chancen auf Bildung und Wohlstand fuer die Muetter (oft selbst noch Kinder), eine Kindheit in einem verarmten Umfeld und umgeben von Drogen und Kriminalitaet fuer den Nachwuchs. Das alles noch sehr viel ausgepraegter als in Deutschland, da ein Sozialsystem allenfalls rudimentaer existiert.
Verwaltungsgebäude (Centro de Valencia)
Mit knapp zwei Millionen Einwohnern hinter der Hauptstadt und der Ölmetropole Maracaibo drittgrößte Stadt des Landes. Rund zwei Autostunden westlich von Caracas 40 Kilometer von der Karibikküste entfernt gelegen. In den meisten Reiseführern als “hässliches Industriezentrum ohne Sehenswürdigkeiten” beschrieben. Viele Einheimische sehen das genauso: Laut, verdreckt und kaum abendliche Ausgehmöglichkeiten. Johannes ist da aber anderer Meinung, zumal die Attribute “laut” und “verdreckt” auf alle venezolanischen Städte zutreffen, die er bislang besucht hat.
Dank eines fähigen (oppositionellen) Bürgermeisters ist Valencia relativ sicher - für hiesige Verhältnisse. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das, an einem durchschnittlichen Wochenende kommen nur ein halbes Dutzend Menschen gewaltsam zu Tode. Nach Einbruch der Dunkelheit sollte man auch hier gewisse Plätze (etwa das gesamte Zentrum) meiden, legt man Wert auf Gesundheit und Bargeld.
Raffinerie der staatlichen Ölgesellschaft
Gelegen im äußersten Nordosten des wunderschönen südamerikanischen Subkontinents. Fast dreimal so groß wie Deutschland, hat dabei aber nur 1/3 so viele Einwohner. Hat die meisten “Miss Worlds” und “Miss Universums” überhaupt hervor gebracht - Schönheitsoperationen sind Daily Business, eine riesige Industrie lebt damit und davon. Durchschnittsalter der Bevölkerung: 22 Jahre (in Deutschland: 41 Jahre). Weltgrößter Pro-Kopf-Konsument von Black Label Wiskey, eigentlich aber berühmt für seinen - hier spottbilligen - Rum.
Große naturelle Vielfalt: Im Westen die Anden mit teils ganzjährig schneebedeckten Gipfeln, Karibik- und Atlantikküste (hier lebt der größte Teil der Bevölkerung), Regenwald und sogar eine Wüste. Sechstgrößter Erdöl-Exporteur der Welt (bis Mitte des letzten Jahrhunderts der Größte), ungeheure Bodenschätze. Dennoch viel Armut im Land, die Petrodollars kommen nur einer kleinen Oberschicht zugute.
Unabhängigkeit von Spanien 1821, in der Folge viele Bürgerkriege. Seit 1958 eine stabile Demokratie mit zwei sich abwechselnden Regierungsparteien. In dieser Zeit Filz und wuchernde Korruption, aber auch goldene Zeiten sogar für die normale Bevökerung während der nahöstlichen Ölkrise in den 70ern. Diverse Umsturzversuche in den 90ern, seit 1999 regiert vom demokratisch gewählten Ex-Militär Hugo Chàvez.